Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Länge der Fressphasen und der Fresspausen.

Dieses Interview wurde von Florian Brauchli, Redakteur der Pferdewoche, aufgezeichnet und im Zusammenhang mit dem Beitrag «Raufe öffne dich» veröffentlicht. Mit seiner freundlichen Genehmigung dürfen wir auch diesen Teil in unserem Blog zum lesen bereitstellen. Wir bedanken uns herzlich. 

Nachgefragt …
… bei Anja Zollinger. Sie hat sich bei «Agroscope» als Agraringenieurin intensiv mit dem Thema «Slowfeeding» befasst.

Anja Zollinger, was ist der Vorteil von automatisierten Heuraufen in Bezug auf das «Slowfeeding»?
«Slowfeeding»-Systeme (langsames Fressen) sind Futterdispenser, die die Fressgeschwindigkeit mechanisch erschweren sollen und damit eine längere Raufutteraufnahme für die gleiche Menge Heu bewirken. Einige dieser Raufen sind mit Gittern oder Netzen bedeckt, andere sind aufgehängte oder am Boden liegende engmaschige Netze, Plastiktonnen, Säcke oder Kisten, die mit Löchern in unterschiedlicher Grösse versehen sind. Es ist möglich, oder bei sehr leichtfuttrigen Equiden manchmal nötig, beides zu kombinieren: eine automatische Heuraufe und ein engmaschiges Netz, damit die Tiere ungefähr 16 Stunden pro Tag Raufutter fressen können, ohne an Gewicht zuzunehmen und ohne Fastenzeiten von mehr als vier Stunden zu erdulden.

Welche Unterschiede zeigen sich, wenn ein Pferd viele kleine Portionen frisst, statt wenige, dafür grössere Portionen?
Es kommt darauf an, wie gross die grösseren Portionen sind. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Länge der Fressphasen und der Fresspausen. Wenn man zum Beispiel zweimal am Tag eine Portion Heu füttert, wird diese Portion vermutlich innerhalb von ein paar Stunden aufgefressen. Die Fresspause wird also bis zur nächsten Portion zu lang sein, insbesondere nachts. Wenn die Fresspause lang ist, werden die ersten Minuten der Fressphase eher stressig sein, das Pferd wird schnell und hektisch fressen. Wenn die Fressphase noch zusätzlich kurz ist, wird das Pferd nicht zum entspannten Fressen kommen.

Wie wirken sich lange Fresspausen auf den Körper des Pferdes aus?
Lange Unterbrechungen der Futteraufnahme haben negative Folgen für die physische und psychische Gesundheit des Pferdes. Da sein Verdauungssystem kontinuierlich Magensäure produziert, führen lange Fastenperioden zu einer Übersäuerung des Verdauungstraktes, erhöhen das Risiko für Magengeschwüre und Koliken, stören die Darmflora und die Aufnahme von Nährstoffen sowie die Synthese essenzieller Vitamine. Chronische Langeweile und Frustration infolge einer strengen Futterrationierung begüns­tigen auch die Entwicklung von Verhaltensstörungen wie Stereotypien (zum Beispiel Koppen und Weben) sowie Verhaltensprobleme wie Aggressivität gegenüber dem Menschen oder Artgenossen, Apathie oder andere sichtbare Zeichen des Unwohlseins.

Welche Nachteile gibt es, wenn man Pferden rund um die Uhr Futter zur Verfügung stellt?
Aus ethologischer Sicht wäre uneingeschränkter Zugang (ad libitum) zu Heu und Gras die beste Lösung für eine pferdegerechte Fütterung. Fressen findet Tag und Nacht statt und das Unterbrechen der Futteraufnahme von mehr als vier Stunden wird vermieden. Nachteile können folgende sein: Übergewicht bei leichtfuttrigen Tieren, da in unseren Breitengraden relativ zucker- und eiweissreiches Heu produziert wird; mehr Heu bedeutet mehr Mist, bedeutet mehr Arbeit; Heuverschmutzung und -verschwendung, welches man aber durch Netze einfach verhindern kann; weniger Bewegung in der Gruppenhaltung, weil sie vor der Heuraufe stehen. Das ist aber nicht nur bei Heu ad libitum ein Problem und vor allem kann man das mit klugen Fütterungseinrichtungen und Stallstrukturierung positiv beeinflussen.

 
 
 
 

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