Ein Interview mit Christa Wyss
Die ideale Pferdehaltung vereint Sozialkontakte, bedarfsgerechte Fütterung, ausreichend Bewegung und möglichst vielfältige Wahlmöglichkeiten in der Haltungsumgebung. Christa Wyss, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Agroscope, erklärt, warum Gruppenhaltung ideal ist, aber auch Einzel- und flexible Haltungsformen gut funktionieren können, solange die Bedürfnisse der Pferde berücksichtigt werden.
Frau Wyss, welche Haltungsform wäre für das Pferdewohl die beste?
Eine Gruppenhaltung mit über 20 Pferden. Mit ganz viel Platz für Bewegung aber auch für Ruhe und eine gut organisierte, stressfreie Fütterung. Kurz gesagt ein strukturierter Raum, der Anreize für verschiedene Aktivitäten gibt und so alle Bedürfnisse des Pferdes abdeckt.
Denn abgesehen von dem Bedürfnis nach Sozialkontakten und langen Fresszeiten sind es hauptsächlich die Häufigkeit und Dauer des Auslaufes ausserhalb der Boxen, die für das Tierwohl wichtig sind. Ein direkt an die Box angrenzender, permanent zugänglicher Auslauf ist sehr empfehlenswert, er ermöglicht den Pferden sich vermehrt zu bewegen und zu wählen, ob sie in oder ausserhalb des Stalles sein wollen, die Umgebung zu kontrollieren und idealerweise soziale Interaktionen mit benachbarten Pferden zu haben.
Perfekt wäre zudem, wenn es möglichst wenig Wechsel in der Gruppe gäbe. Auch eine gute Alters- und Geschlechterdurchmischung ist wünschenswert. Idealerweise hat es immer mindestens zwei Tiere mit ähnlichen Bedürfnissen in einer Gruppe, also z.B. zwei alte, zweiverspielte, zwei junge Pferde, zwei Stuten, zwei Wallache etc.
Welches Grundbedürfnis ist für Pferde denn das wichtigste?
Es gibt nicht „das Eine“. Es ist eine Kombination aus verschiedenen Aspekten, die für die Deckung der Grundbedürfnisse wichtig sind. Pferde wollen sich unbedingt sicher fühlen. Ein wichtiger Aspekt dafür ist die Anwesenheit von Freunden. Sie brauchen den Kontakt mit freundlichen Artgenossen, um Sicherheit zu empfinden.
Pferde müssen ausserdem fast ständig etwas zu knabbern haben. Es sollte keine Fresspausen von mehr als 3-4 Stunden geben. Bei dicken und leichtfuttrigen Pferden muss unbedingt das Kraftfutter weggelassen werden. Zur Reduktion von Energie und Eiweiss kann zudem bis zu 30% einer Raufutterration mit Stroh ersetzt und auch mit Knabberästen ergänzt werden.
Für das Wohlbefinden auch essenziell ist Bewegung. Dabei benötigen Equiden neben der Nutzung ein Mindestmass an freier Bewegung. In einem reich strukturierten Haltungssystem können sie bis zu einem bestimmten Mass selber entscheiden, was sie wann und wo tun möchten.
Ist die Gruppenhaltungsform für alle Pferde geeignet?
Eigentlich ja. Auch Sportpferde können in der Gruppe gehalten werden. Verletzungsrisiken gibt es auch in der Box.
Es gibt aber Pferdekategorien, bei denen die Gruppenhaltung besonders herausfordernd ist und spezielle Fachkenntnisse und Infrastrukturen erfordern. Dies gilt insbesondere für die Haltung von Hengsten, von Zuchtstuten und Stuten mit Fohlen bei Fuss, sowie für das Absetzen von Fohlen.
Je nach Gruppenzusammensetzung und Persönlichkeit brauchen zudem manche Pferde eine grössere Individualdistanz, weshalb es in gewissen Situationen pferdefreundlicher sein kann, solche Tiere direkt neben der Gruppen zu halten und mit Panels oder Sozialboxen abzutrennen. Aber halt eben trotzdem so, dass sie Kontakt zueinander haben und ihre Freundschaften leben können.
Gibt es denn den perfekten Betrieb?
Ich kenne bis dato keinen. Was nicht heisst, dass es nicht viele wirklich gute Betriebe gibt. Und entsprechend viele Halter:innen, die ihr Möglichstes tun, um eine artgerechte Pferdehaltung zu ermöglichen.
Sind Pferde, welche in Boxen gehalten werden, unglückliche Pferde?
Es kommt auf die Umstände an. Prinzipiell entspricht eine gut geführte Gruppenanlage mit verträglichen Pferden den Bedürfnissen von Equiden am besten. Tiere in Einzelhaltung, die täglich nur eine Stunde in einer Reithalle bewegt werden, könnten sicherlich glücklicher sein. Aber es gibt ja auch Betriebe mit Boxenhaltung, bei denen die Tiere einen Auslauf haben oder täglich auf die Weide dürfen und möglichst artgerecht gefüttert werden. Zusammen mit einer abwechslungsreichen Nutzung sind dies alles wichtige Aspekte, die das Tierwohl verbessern können.
Kann eine vielseitige Nutzung des Tieres also eine nicht so optimale Haltung bereichern?
Unbedingt. Je nach Haltungsform hat die Mensch-Tier-Interaktion einen besonders hohen Stellenwert. Am besten wäre es eigentlich, wenn wir zwei bis drei Mal am Tag etwas mit den Pferden machen würden. Klar, man sollte sie nicht täglich drei Mal für ein intensives Springtraining rausnehmen, aber ein Ausritt am Morgen, und eine Springstunde am Nachmittag sind für ein Pferd kein Problem. Wir müssen bedenken, das sind Tiere, die in der freien Natur 16 Stunden am Tag unterwegs sind und riesige Distanzen zurücklegen.
Wie gewährleistet man den Sozialkontakt in der Einzelhaltung?
Die Verantwortung liegt beim Menschen. Dieser muss sich bewusst sein, dass Pferde sich ihren Nachbarn in der Einzelhaltung nicht aussuchen können. Es gilt: Nicht das Pferd meiner Freundin steht neben meinem Pferd, sondern mein Pferd steht neben einem freundlichen oder besser befreundeten Pferd. Die Möglichkeit zu Sozialkontakt im Auslauf z.B. über einen nicht elektrischen Zaun oder auch gemeinsame Ausritte mit anderen Pferden geben die Möglichkeit zu mehr Abwechslung oder allenfalls auch zu sozialen Interaktionen.
Können mentale Stimulation und Abwechslung helfen, Langeweile und Frustration zu vermeiden?
Auch hier: Es gibt viel Gutes, aber auch viel Unsinniges. Unser Bedürfnis nach füttern, kuscheln etc. ist nicht das Bedürfnis des Pferdes. Das sind menschliche Bedürfnisse. Kuscheltiere in den Boxen aufhängen– das mag süss sein, aber wenn das Pferd damit nicht interagiert es also zum Beispiel beknabbert), dann bringt es dem Pferd keinen Vorteil..
Futteranreize können für die Beschäftigung sinnvoll sein, wie z.B. Heu- oder Strohnetze sowie Holz zum Knabbern. Grundsätzlich gilt: Alles, was fressbar ist, wird von den Tieren gern angenommen. Allerdings muss es dabei nicht um Heu ad libitum gehen.
Also keine 24-Stunden-Selbstbedienung?
Nein, das funktioniert bei vielen Pferden schlichtweg nicht. Ähnlich wie beim Menschen haben auch Tiere unterschiedliche Stoffwechsel, und verwerten das Futter mehr oder weniger gut. Zudem spielt es eine Rolle, wie die Pferde genutzt werden. Wir sehen sehr viele übergewichtige Pferde. Gesundheitlich ist es aber so, dass ein schlankes Pferd besser ist als ein sehr dickes. Auf der anderen Seite ist ein gestresstes Pferd, weil es wegen der langen Fresspausen Bauchschmerzen hat auch nicht glücklich. Eine bedarfsgerechte Fütterung von leichtfuttrigen Pferden ist eine echte Herausforderung.
Für viele Ställe ist die Gruppenhaltung kein gangbarer Weg, die komplette Einzelhaltung aber auch nicht. Gibt es eine Alternative?
Es gibt einige flexible Möglichkeiten, welche den Bedürfnissen der Tiere entgegenkommen und so die Einzelhaltung von Pferden tiergerechter machen.
So ermöglicht z.B. die sogenannte Sozialbox zwei Pferden in benachbarten Boxen, miteinander physisch zu interagieren, ohne Gefahr, sich mit einem Bein über der Boxentrennwand zu verfangen, wenn sie z.B. steigen. Bei der Sozialbox besteht eine Hälfte der Trennwand zum Nachbarpferd aus vertikalen Stangen mit einem Abstand von ca. 30 cm und die zweite Hälfte der Trennwand ist blickdicht und ermöglicht so je nach Bedürfnis eine gewisse Rückzugsmöglichkeit. Die Masse der Abstände dieser Stangen sind an die Grösse und den Körperbau der Pferde anzupassen.
Gut durchdachte, modulare Stallsysteme sind gerade für Pensionsbetriebe mit wechselnder Kundschaft interessant.
Wann immer möglich sollten einzeln gehaltene Pferde, Ponys, Esel, Maultiere und Mauleseln gemeinsam mit mindestens einem Artgenossen freie Bewegung geniessen können. Weidegang oder Auslauf auf einer grossen, strukturierten Fläche ist eine wichtige Bereicherung im Leben eines einzeln gehaltenen Pferdes.
Diverse Aktivitäten mit dem Menschen bieten zusätzliche Bewegung und Abwechslung.